ifo-Institut und Thüringer Wirtschaftsministerium diskutieren Standortbedingungen auf der TecPart-Jahrestagung
Neues Konzept überzeugt: „Trends der Kunststoffverarbeitung“ verbindet Fertigungstechnik, Zukunftsorientierung und politischen Dialog
Unter dem Motto „Richtung geben, Zukunft gestalten“ stellte TecPart auf seiner Jahrestagung „Trends der Kunststoffverarbeitung“ die zentrale Frage für die Kunststoffverarbeiter und Recycler in Deutschland: „Sind wir noch wettbewerbsfähig – und was brauchen wir, um es zu bleiben? Am 9. und 10. September 2026 kamen knapp 150 Entscheiderinnen und Entscheider aus Kunststoffverarbeitung, Kunststoffrecycling, Zulieferindustrie, Wissenschaft, Politik und zentralen Kundenbranchen in Erfurt zusammen, um die Lage der Branche einzuordnen und konkrete Handlungsansätze zu diskutieren.
Die Ausgangslage ist kritisch: Hohe Standort- und Energiekosten, geopolitische Unsicherheiten, schwache Konjunktur und zunehmender globaler Wettbewerbsdruck treffen auf eine Branche, die zugleich massive Transformationsanforderungen bewältigen muss.
„Neue Regulierung zu Rezyklatquoten – ob im Auto oder künftig in Elektroprodukten –, Berichtspflichten, Verpackungsanforderungen und der Digitale Produktpass schaffen erheblichen zusätzlichen Handlungsdruck und unproduktiven, kostenintensiven Aufwand. Gleichzeitig fehlt es an praxistauglichen Umsetzungspfaden, wie aktuell bei der Verpackungsverordnung sichtbar. Diese Schieflage gefährdet nicht nur die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen, sondern untergräbt die gewünschte Transformation hin zu einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft. Bürokratische Hürden müssen schnellstmöglich abgebaut werden; Anforderungen müssen technisch, wirtschaftlich und administrativ leistbar sein“, fordert Felix Loose, Vorsitzender des TecPart und Geschäftsführer der ROGA KG, mit Blick auf den Erhalt der Kunststoffverarbeitung in Deutschland. Seit 2020 hat die Branche rund zehn Prozent ihrer Beschäftigten verloren – das entspricht etwa 30.000 Arbeitsplätzen.
Neues Konzept mit Techniksessions überzeugt
Bereits am ersten Veranstaltungstag setzte TecPart mit einem neuen Format einen stärkeren fachlichen Akzent: In drei parallelen Techniksessions für Spritzgießer, Thermoformer sowie Compoundierer und Recycler standen konkrete technologische Entwicklungen, Materialfragen, Prozesslösungen und Kreislaufansätze im Mittelpunkt.
„Die thematische Auffächerung unseres Formats wurde sehr gut von den Teilnehmenden aufgenommen und soll nun ein fester Bestandteil unserer Jahrestagung“, fasste Michael Weigelt, Geschäftsführer des TecPart e. V. Rückmeldungen der Teilnehmenden zusammen.
Entwicklung von Kernmärkten bis „Kulturwandel in der Verwaltung notwendig“ – der Auditoriumstag widmete sich Querschnittsthemen
Der Auditoriumstag am 10. September führte diese technische Perspektive mit den zentralen Querschnittsthemen der Branche zusammen: Strukturwandel, regulatorischer Druck, Marktdruck, operative Resilienz und unternehmerische Wirklichkeit.
Ein Höhepunkt der Jahrestagung war der wirtschaftspolitische Austausch mit Prof. Dr. Joachim Ragnitz, stellvertretender Leiter des ifo Instituts Dresden, und Mario Suckert, Staatssekretär im Thüringer Wirtschaftsministerium. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie der notwendige Strukturwandel in neue industrielle Stärke übersetzt werden kann.
Prof. Ragnitz machte deutlich, dass Strukturwandel keine abstrakte Größe ist, sondern längst Realität für Unternehmen. Entscheidend sei, ob Deutschland Dekarbonisierung, globalen Wettbewerbsdruck und politische Rahmenbedingungen so zusammenführt, dass daraus neue wirtschaftliche Stärke entsteht.
Mario Suckert verwies auf den kürzlich veröffentlichten Mittelstandsbericht, der die Herausforderungen der Unternehmen sehr deutlich benennt und zugleich eine Grundlage für künftige Maßnahmen bildet. Auf dieser Basis gelte es, Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit zu stärken und auch die Förderpolitik zu überprüfen. Eine Wiederaufnahme des Zentralen Innovationsprogramms Mittelstand (ZIM) sei dabei hochrelevant. Wichtig sei zudem ein Kulturwandel in der Verwaltung: Berichtspflichten und lange Genehmigungsverfahren seien ein erheblicher Teil der Belastungen. Behörden müssten künftig stärker vom Unternehmen her denken und mutige Entscheidungen treffen, so Suckert in der abschließenden Podiumsdiskussion.
Darüber hinaus teilten weitere hochkarätige Referenten ihre Perspektiven auf Innovationspotenzial, Kernmärkte und Sicherheitsrisiken. Prof. Dr. Florian Puch von der Technischen Universität Ilmenau zeigte in seinem Beitrag „Technologisch bereits am Ende? Impulse für Innovationen in der Kunststofftechnik“, dass etablierte Verfahren wie Spritzgießen, Extrusion oder Thermoformen weiterhin erhebliche Innovationspotenziale bieten – insbesondere an den Schnittstellen zu Digitalisierung, Materialentwicklung, Kreislaufwirtschaft und neuen Produktionsparadigmen. Wie anspruchsvoll solche Entwicklungen in zentralen Kundenmärkten werden, verdeutlichte Carina Barbara Antonin von Hirschmann Automotive anhand eines Closed-Loop-Projektes in der Automobilindustrie: Circularity im Auto beginnt nicht erst beim Rezyklat, sondern bei Design, Daten, Sortierung und Zusammenarbeit entlang der gesamten Lieferkette.
Neben den kunststofftechnischen Innovations- und Kreislaufthemen rückten auch unternehmerische Handlungsfähigkeit, Resilienz und Produktivität in den Fokus: Dominik Bredel von PwC ordnete operative Resilienz als wachsenden Wettbewerbsfaktor ein. Regulierung, Künstliche Intelligenz, Cyberrisiken, Lieferkettenstress und neue Bedrohungslagen machen es für Unternehmen wichtiger denn je, kritische Prozesse zu kennen, Ausfälle vorzudenken und Notfallpläne praktisch zu testen. Holger Perrey, Leiter Firmenkunden/Spezialbetreuung einer regionalen Sparkasse , zeigte, warum Prävention, Liquiditätssteuerung und frühzeitige Risikoanalyse gerade in unsicheren Zeiten zur unternehmerischen Handlungsfähigkeit gehören. Dr. Stephan Dörfler, Geschäftsführer der Auguris GmbH, machte deutlich, wie Künstliche Intelligenz Produktionsplanung robuster und effizienter unterstützen kann. Dr. Axel Tome, CEO der Concept AG, stellte mit „Produce to Profit“ den Blick auf Produktivität, Kostenstrukturen und Ergebnisverbesserung in der Fabrik in den Mittelpunkt und zeigte an einem realen Praxisbeispiel, dass Geld verdienen in der Kunststoffverarbeitung möglich ist..
„Die Innovationsreise der Kunststofftechnik ist in vollem Fluss. Wettbewerbsfähigkeit kann aber nur dort entstehen, wo technologische Stärke, unternehmerische Anpassungsfähigkeit und politische Rahmenbedingungen industrielle Wertschöpfung ermöglichen und attraktiv machen. In Deutschland besteht hier noch deutlicher Nachholbedarf. Deshalb wird sich TecPart auf Bundes- und EU-Ebene weiter für praxistaugliche Regeln, verlässliche Rahmenbedingungen und eine Politik, die industrielle Realität ernst nimmt einsetzen“, fasste Michael Weigelt die Inhalte der Veranstaltung zusammen.
Expertise vor Ort
Die begleitende Ausstellung bot Unternehmen aus Zulieferindustrie, Dienstleistung, Forschung und Branchenumfeld die Möglichkeit, Produkte, Lösungen und Projekte direkt mit Entscheiderinnen und Entscheidern aus Kunststoffverarbeitung und Kunststoffrecycling zu diskutieren.
Ein herzlicher Dank an unsere Aussteller – Clavey, GGW, easyfairs, EurA, KARE, KIB – die Kunststoffexperten, Ökotec, Sattler Kunststoffwerk, Voelpker – sowie an unsere Partner: Polymermat e.V.; Klimaschutz-Unternehmen e.V. und Polykum e.V.
Jahrestagung 2027: Save the Date, wir sehen uns in Nürnberg
Die TecPart-Jahrestagung 2027 findet am 16. und 17. September 2027 in Nürnberg statt. Am Vortag ist zudem eine Networksession des Kompetenzzentrums KARE geplant.




Über TecPart – Verband Technische Kunststoff-Produkte e.V. (TecPart)
TecPart – Verband Technische Kunststoff-Produkte e.V. TecPart vertritt die Interessen von Herstellern technischer Kunststoffteile in Politik, Öffentlichkeit und Fachgremien auf nationaler wie europäischer Ebene. Die Mitgliedsunternehmen sind hochspezialisiert – aus der Spritzgießtechnik, Additiven Fertigung, Compoundierung, dem Thermoformen und Kunststoffrecycling. Sie beliefern Schlüsselbranchen wie die Automobil-, Elektro-, Maschinenbau- und Medizintechnikindustrie. Die Kunststoffverarbeitung zählt mit rund 305.000 Beschäftigten und etwa 69 Mrd. € Jahresumsatz zu den stärksten Industriezweigen Deutschlands. Der von TecPart vertretene Bereich technischer Kunststoffteile steht dabei für rund 100.000 Beschäftigte und 19 Mrd. € Umsatz – ein zentraler Pfeiler dieser Schlüsselbranche.
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